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1. Schiefergebirgslauf

Wann: 29. September 2019

Was: Halbmarathon

Wer: Veranstaltungsseite

Richtig tolle Fotos der Landschaft beim Lauf findet ihr hier.

Vorweg

Am Anfang meiner Läufer-Wettkampfzeit habe ich mich lustig gemacht über die Läufer, die in ihren Finishershirts von irgendeinem Lauf bei einem anderen Lauf starteten. Heute sehe ich eine Gruppe Läufer mit Shirts von einem Bergmarathon, eine Läuferin mit einem 100km- und etliche andere Shirts, die mir nur den Gedanken bringen: Welch Ehre mit euch zu laufen. Aber auch: Wo bin ich hier eigentlich hinein geraten? Und das ist eine sehr gute Frage. Heute wird mir der Kopf gerade gerückt. Es ist der 1. Schiefergebirgsmarathon. Ich starte zum Halben und meine Uhr wird am Ende eine Strecke anbieten, für die 590 Höhenmeter berechnet werden. Der Moderator verkündet, die Strecke ist ca. 21,4 km lang, das Ende wird sich also ziehen.

Der Lauf

Konzentriert laufe ich los. Das Profil zeigt, dass es anfangs wellig ist, danach gehts lange abwärts und am Ende muss binnen 4 km vom tiefsten Punkt wieder bis fast ganz hinauf gelaufen werden. Bei mir läuft die Angst mit, dass ich wegen Seitenstechen abbrechen muss wie bei den letzten Trainingsläufen. Heute laufe ich in neuen Schuhen mit neuer Hoffnung, hoch aufmerksam und letztlich gelingt es mir ohne Seitenstechen, dafür aber auch ohne Bergab-Tempo bis ins Ziel. Man kann nicht alles haben.

Die Strecke ist der Hammer. Nach ein bisschen Geplänkel öffnet sich in einer bergab Passage plötzlich der Wald, die Bäume sind rechts neben, hinter und unter mir. Vor mir breitet sich der Thüringer Wald aus. Jeglicher Ansatz von Nebel wurde vom Wind, der mir fast “den Hut vom Kopfe” bläst, verscheucht. Ich sauge das Bild in mich hinein und genieße. Irgendwann kommt eine Kehre, in der zwei Läufer an der Verpflegung stehen. Ich denke, ich brauche für einen HM nichts und laufe am Verpflegungsstand vorbei in eine Steigung, die ich gehen muss. Normal bin ich ja so stolz, lasse mich als Bergfloh bezeichnen usw., bin ich aber nicht, lerne ich heute. Die beiden frisch verpflegten Läufer lassen mich stehen. Ich will, aber ich kann nicht dran bleiben. Sie gehen, ich gehe, aber sie gehen viel schneller und oben angelangt, laufen sie schnell davon. Ich bin aber noch in Reichweite als der Verschönerungssteig kommt und der macht den Lauf tatsächlich noch schöner. Über den Pfad am Hang entlang freue ich mich riesig und habe richtig Lauflaune. Ich versuche an den beiden Läufern vor mir dran zu bleiben, erstens weil sie hier mal ein Tempo laufen, welches ich kann und zweitens, falls ich stürze, hört jemand mein Rufen. Hinter mir scheint eine Weile niemand zu kommen. Den einen überhole ich sogar und bleibe an der anderen dran. Als ich gerade denke wie schön sanft der Pfad für meine Höhenangst ist, da ragt plötzlich ein Felsen links neben mir in die Höhe und rechts fällt er steil ab. Es sind nur ein paar Meter am Felsen entlang und so schön ich es finde, so bin ich froh, als ich es geschafft habe. Von dort geht es wieder auf Wirtschaftswege. Es braucht nun auch keine weitere fiese Steigung, ich sehe die Läuferin und ahne, meine Altersklasse, und will und versuche und schaffe es nicht. Sie läuft mir davon. Für einige Kilometer erhasche ich immer mal noch einen Blick auf sie und dann ist sie ganz weg.

Der Kopf

Mittlerweile habe ich eigentlich auch genug. Einmal muss ich mir sogar sagen, das Rennen im Kopf aufgegeben werden und das kommt ja gar nicht in Frage. Ich will dieses Schieferdingens haben, ich kann dieses Schieferdingens haben und ich werde mir dieses Schieferdingens im Ziel abholen. Punkt.

Ich laufe, bergab muss ich mittlerweile sehr vorsichtig sein, zweimal atme ich die ersten Anzeichen von Seitenstechen weg. Aber es läuft. Die Angst vor der sich selbsterfüllenden Prophezeiung ringt mit der Angst vor den Seitenstechen, ein komplexes Gebilde entsteht in meinem Kopf, da sehe ich Schnitzelpilze auf einer Bergwiese stehen. Freundin Dani fällt mir ein, ich will mir den Kilometer merken und schaffe es nicht. Ich bin müde, ich bin durch. In meinem Kopf sehe ich, wie ich Pilze zermatscht in den Händen trage und plötzlich muss ich mich konzentrieren, es geht steil den Hang hinunter. Unten komme ich auf Asphalt. Vor mir auf einmal wieder zwei Läufer, die am Verpflegungsstand pausierten, den ich wiederum ausließ. Nun beginnt der lange Anstieg und ich muss wieder abreißen lassen. Meine Oberschenkel kreischen, aber durch die Erschöpfung höre ich sie kaum. Ich schaue mich lieber um und genieße die Landschaft. Kilometer 18 steht auf dem Boden. Noch 3, also jetzt mal ein bisschen Tempo. Lach. Stattdessen die Erinnerung an einen Post im Internet, dort schrieb mal jemand, wenn man einen Kilometer geht, ruht man sich aus und kann insgesamt schneller im Ziel sein, als ohne Gegehe. Galloway-Methode? Verlockend. Ich gehe. 500 Meter, dann laufe ich wieder. Ich fühle mich nicht ausgeruht. Marathonläufer kommen mir entgegen, die können noch lächeln, einige schwatzen sogar miteinander. Heute spiele ich mit den großen Kindern. Neben mir der Bach ist kupferrot, das wirkt genauso fehl am Platze und ist genauso richtig hier, wie ich es bin. Ob die Tiere das rote Zeug trinken? Kann ich mein Shirt damit färben? Ja oder? Ich erinnere mich nicht. Wieder Pilze, Tintlinge, ob ich die unbeschadet ins Ziel bekäme? Bis zur Morassina laufe ich, aber von dort geht es so steil hinauf, hier muss ich passen. Ich gehe komplett hoch bis zu den ersten Häusern. Ein Marathoni, der das Abbiegen verpasst hat, kommt mir lachend entgegen. Wie kann er nur? Ich sammle alle Energien und feuer ihn kurz an. Dann packt mich mein Stolz, ich kann ja schlecht ins Ziel gehen. Auch eine Anwohnerin, die gerade Wäsche aufhängt, ruft mir zu, ich solle nicht schlapp machen, das Ziel wäre ja gleich da oben. Hah! Ich lache und laufe. Den Anstieg mag ich gar nicht und kurz vorm Ziel auch noch eine Boden-Welle, die ihn erst abflacht und dann steiler macht. Das tut weh.

Das Ende

Schieferdingens

Ziel. Ich sehe Dani, denke an die Pilze. Dann mein Name, mein Wohnort, mein Zieleinlauf. Aber irgendwer sitzt vor der Uhr. Hallo? Ich will's wissen. Was? Meine Zeit überrascht mich. Ich bin bolle stolz. Und dann habe ich es geschafft, das Schieferdingens hängt um meinen Hals.

Danach

Heute genieße ich meinen Muskelkater und die Eindrücke vom Wald. Sicher ist, dass ich noch viele, viele Trainingskilometer benötige, um vielleicht mal “dran zu bleiben”. Es war ein toller Lauf.

Danke an alle Helfer an der Strecke und rundherum. Den Verein, die Feuerwehr, die Jugendfeuerwehr. Danke fürs frühe Aufstehen, Vorbereiten, Machen, Fahren, Frieren, … . Danke fürs lange Rumstehen und da sein. Danke an die, die sich die Strecke so ausgedacht haben, ich fand den Lauf super gelungen. Im Nachhinein auch die letzten 300 Meter. :-)

Fotos Dani und nca


nca